Der Unterschied zwischen Selbstberührung & Fremdberührung

Sich selbst berühren oder berührt werden: Wo liegt der Unterschied? Dazu hatte ich im Frauenkreis eine Offenbarung.

Wie jeder Coach, der lebt, was er predigt, praktiziere auch ich jeden Tag „Selfpleasuring“. Ich spreche lieber von „Selfpleasuring“ als von „Selbstbefriedigung“. Denn es geht bei diesem Ritual nicht darum, sich selbst auf dem gewohnten Weg schnell und effektiv zum Orgasmus zu bringen. Es geht darum, dem eigenen Körper zu lauschen und ihm den Genuss zu schenken, den Körper, Geist und Seele im aktuellen Moment brauchen. 

Genussmomente

Ein Augenblick von Selfpleasuring kann ein freundlicher Gedanke dir selbst gegenüber sein, der die gebetsmühlenartige Selbstkritik unterbricht, die begonnen hat, sich in deinem Kopf zu entspinnen, als dein Kunde abgesprungen ist – ohne dass du es überhaupt gemerkt hast. 

Das kann eine beruhigende Streicheleinheit sein, wenn du dir Sorgen machst oder dich aufgekratzt fühlst.

Das können lustvolle, erregende Momente sein. Oder tiefes Eintauchen in deine Psyche, wo du deine dunkelsten Seiten siehst, liebst und umarmst – und dich überraschen lässt von der Wonne, der Lust und dem Energiefluss, die du damit entfesselt hast.

Auf Deutsch würde ich dazu eher ‚Selbst-Befriedung‘ sagen. Denn beim Selfpleasuring entsteht immer ein Gefühl des tiefen Friedens. Orgasmen sind übrigens willkommen, aber kein Muss.

‚Liebe dich selbst und es ist egal,…‘

Solche Selbstliebe-Rituale, die eine körperliche, eine emotionale und eine seelische Komponente haben, sind ein Schlüssel. Sie bilden die Basis in uns selbst, um von anderen Menschen Liebe empfangen zu können.

Meine Erfahrung ist: Wenn du nicht weißt, wie du dich selbst voll und ganz lieben kannst – auf eine Art, die dein Innerstes emotional und körperlich erreicht –, und wenn du dich nicht regelmäßig spüren lässt, dass du liebenswert und wunderbar bist, ganz gleich ob dein Verhalten heute daneben war oder deine Emotionen kurz Überhand genommen haben, dann kann dich kein Partner dieser Welt glücklich machen.

Du hast den Schlüssel zu deinem Herzen und zu deinem Körper. Nur du kannst deinem Partner also sagen, wie du geliebt werden möchtest. Dazu musst du deine Sehnsüchte allerdings regelmäßig erforschen.

Weil ich Selfpleasuring als Ausdruck meiner Selbstliebe täglich praktiziere, hat mir das nicht viel ausgemacht, als der Lockdown kam.

Ich habe mir täglich meine eigenen Berührungen geschenkt. Mal in der warmen Badewanne, mal nackt unter der frischen Bettwäsche, mal während ich mich auf meiner Yogamatte gestreckt oder mich draußen im Gras gewälzt habe.

Ich habe mich emotional und seelisch genährt, indem ich noch konsequenter meinem Herzen gefolgt bin, die Gefühle von Überwältigung, die dabei aufgetaucht sind, ausgedrückt habe, und mich von ihnen habe durchspülen lassen.

Ich habe mich auf unverschämte Weise selbst geliebt. 

Aus dem Vollen schöpfen

Mir ging es richtig gut, während so viele Menschen um mich herum Angst und Bange hatten. Letzteres wollte ich mir nicht mit ansehen. Deshalb habe ich über Nacht eine kostenfreie Selbstliebe-Challenge aus dem Boden gestampft.

Ich wollte anderen Menschen zeigen, wie sie sich in diesen körperkontaktarmen Zeiten selbst nähren und ihr Nervensystem beruhigen können. (Wenn du die Videos dieser Challenge nachträglich anschauen möchtest, trete hier der geheimen Facebook-Gruppe „Sei dein bester Liebhaber“ bei.)

An meinen Coaching-Kunden beobachte ich regelmäßig, wie die Selbstliebe-Praxis dazu führt, dass sie sich voll aufladen mit Energie. Sie erwarten von ihren Mitmenschen dadurch weniger Fürsorge – und gerade deshalb werden sie von allen Seiten mit Liebe, Wertschätzung und geschäftlichen Angeboten überschüttet. Menschen, die gut ressourciert sind, sind halt attraktiv.

„Das ist doch die perfekte Zeit, um nach innen zu gehen und die Selbstliebe noch radikaler zu kultivieren“, dachte ich.

Irgendein Teil in mir war sogar still der Meinung: Die eigene Berührung kann die fehlende Berührung durch andere Menschen kompensieren.

Tja. Gestern wurde ich eines besseren gelehrt.

Duschende Göttinnen

Wie jeden ersten Donnerstag im Monat (seit 5 Jahren) war ich auch gestern bei Yashodhara van Vilsteren im Frauentempel. „Tempel“: So heißt der Kreis, in dem sich Frauen versammeln, um miteinander eine weibliche Form der verkörperten Spiritualität zu praktizieren. Oder wie Yashodhara es so schön auf den Punkt bringt „Wir erschaffen eine neue Frauenkultur“.

Über Yashodharas Frauenabende könnte ich ein ganzes Buch schreiben. Deshalb schaue dich am besten selbst um auf Yashodharas Seite.

Wichtig ist in diesem Kontext nur zu wissen: Neben Meditation, Tanz und verschiedenen Formen der Innenschau ist auch die liebevolle, respektvolle Berührung ein fester Bestandteil der Frauenabende. 

Nun saßen wir gestern alle zu Hause und schauten uns aus der Entfernung in die Augen. Der Abend fand über Zoom statt. Etwas ungewohnt, aber extrem wohltuend, die bekannten Gesichter ‚im Wohnzimmer‘ zu haben und unsere Praxis zu halten.

Wie immer.

Na gut, fast wie immer. 

Irgendwann sagte Yashodhara:

„Und jetzt stelle dir vor, dass du eine Göttinnendusche empfängst.“

Zur Erklärung: Die Göttinnendusche ist ein Format, bei dem zwei Frauen eine dritte Frau respektvoll berühren, so dass sie sich selbst besser spüren kann.

Yashodhara hat in diesem Moment nicht gesagt „Gib dir selbst eine Göttinnendusche“. Selbst berührt und massiert hatten wir uns schon gleich am Anfang. Nein, sie sagte: „Stell dir vor, dass du jetzt eine empfängst.“

In diesem Moment flossen bei mir die Tränen, als ob jemand den Wasserhahn aufgedreht hätte. 

Aha! Sich selbst berühren und von jemand anderem berührt werden, ist wirklich nicht das gleiche, ging mir auf. Selbst wenn das „nur“ in der Erinnerung passiert.

Außerhalb der Corona-Krise ist mir dieser Unterschied gar nicht groß aufgefallen. Jetzt, nach mehr als zwei Wochen Quarantäne alleine in meiner Wohnung, löste alleine die Vorstellung von physischem Kontakt mit einem anderen Menschen Hochgefühle in mir aus. 

Eine Hand berührt mein Bein?

Himmel!

Diese ‚Phantasie’ war so betörend wie der Duft von Jasminblüten, so süß wie der Saft von sonnengereiften Tomaten und so entspannend wie zwei Wochen Ayurvedamassagen. 

War ich dünnhäutiger geworden? Ist diese höhere Empfindlichkeit eine Folge der ungewollten Abstinenz von Körperkontakt durch die Corona-Krise? Oder steckte da mehr dahinter?

Die Wissenschaft dahinter

Wir nehmen ihn nicht so stark im Alltag wahr, aber es gibt tatsächlich einen entscheidenden Unterschied zwischen Selbst- und Fremdberührung. Die Wissenschaftlerin Rebekka Böhme von der Linköping Universität in Schweden hat zusammen mit ihren Kollegen und mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie das Phänomen untersucht.

Das Ergebnis: Fremdberührungen haben bei den Probanden der Studie eine Reihe von Hirnregionen verstärkt aktiviert – darunter der somatosensorische Cortex, die Inselrinde, die Amygdala, das Cerebellum und der präfrontale Cortex. Berührten sich die Teilnehmer selbst, wurden viele Hirnbereiche dagegen deaktiviert.

Wirst du berührt, werden Gehirnareale aktiviert. – Berührst du dich selbst, werden Gehirnareale abgeschaltet.

Ist das nicht irre? Und das geht sogar noch weiter: Diese frappierenden Unterschiede beginnen nicht erst beim Gehirn, sondern schon vorher. Die unterschiedliche Reaktion beginnt schon vor der Berührung, im Rückenmark.

Den Wissenschaftlern zufolge passen diese Ergebnisse zu einer Theorie, nach der das Gehirn die sensorischen Konsequenzen unserer Handlungen teilweise vorhersehen kann. Den Reizen, die vom eigenen Körper ausgehen, schenkt das Gehirn weniger Aufmerksamkeit, weil es gelernt hat, dass die Reize vorhersehbar sind. Reize, die von außen kommen, stuft das Gehirn als neu ein und somit als „prüfenswert“.

Du und ich

Diese Phänomen ist der Grund, warum viele Menschen meinen, man könne sich nicht selbst kitzeln. Hmm, … also ich kann‘s.

Es ist so: Je geübter du darin bist, bei der Selbstberührung auf deinen Körper zu hören oder ihn mit neuen Streichungen herauszufordern, statt die immergleichen Berührungen, die du dir angewöhnt hast, auszuführen, desto weniger vorhersehbar wird der Effekt deiner eigenen Berührung auf die Haut. Es ist, als ob du lernen würdest, deine Hand zu einem selbstständigen Wesen zu machen, die deinen eigenen Körper ‚überrascht‘.

Meine Coaching-Klienten lernen genau das. Sich selbst neu zu begegnen, indem sie sich bewusst berühren. Mal innerhalb ihrer Komfortzone, mal außerhalb.

Und dennoch: Von einem anderen Menschen berührt zu werden, ist auch für uns Körper-Explorateure eine andere Dimension.

Der Energieaustausch mit einem Menschen, der in einer anderen Haut steckt, als du selbst, hat wahrlich etwas Magisches. 

Wie beruhigend.

PS: Wenn du Lust hast, deinem Körper und deiner Seele auf eine völlig neue Art zu begegnen, dann melde dich bei mir.

Foto: Jasmin Breidenbach, www.jasminbreidenbach.de

Corona-Tipp: Sex hält gesund

„Gegen Corona schützen: Wie geht das?“ – Also, wenn du mich fragst: gründlich duschen und ab zum Liebesspiel. Sex hilft nicht nur, Angst zu mindern, sondern stärkt auch das Immunsystem.

Von |2020-04-05T10:30:57+02:00April 4th, 2019|Body & Soul, Selbstliebe|0 Kommentare

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